Parastou Forouhar bespielt die vierte Kunstkasten-Ausstellung mit «Boxenstopp» (13.12.20 – 6.3.21)

Ornamente verstecken geschickt die Gewalt

 

Parastou Forouhar lacht herzlich, wenn sie vom katholisch-muslimischen Securitas-Mann erzählt, der plötzlich sein Hemd aufknöpfte und seine tätowierte Brust entblösste, während sie daneben den Asphalt mit arabischen Schriftzeichen bemalte. Sie lacht noch mehr und es ist ansteckend. Die Anekdote hat sich diesen Sommer in Chur zugetragen, wo die Künstlerin im den grossen Platz vor dem Churer Verwaltungsgebäude mit Signalfarbe verzierte. Passant*innen blieben stehen, um die Schriften zu entziffern. Sie scheiterten, denn die „Sätze“ sind eine willkürliche Aneinanderreihung von Buchstaben. Forouhar lacht bei der Erinnerung an den Sicherheitsmann und seine mit arabischer Schrift verzierte stolze Brust, als sie ihm antwortete: „Es bedeutet nichts, es ist Kunst.“


Gegen das Regime aufbegehren

Eigentlich ist Forouhar dieser Tage nicht zum Lachen zu Mute.
Am 21. November jährt sich der Tag der Ermordung ihrer Eltern zum 22. Mal. Parwaneh und Dariush Forouhar wurden 1998 vom iranischen Regime umgebracht. Sieben Jahre, nachdem Forouhar selbst nach Deutschland gezogen war, wo sie bis heute lebt. Seither kehrt sie jedes Jahr am Todestag ihrer Eltern zurück in den Iran und organisiert eine Gedenkfeier. 2020 zum allerersten Mal nicht. Zum ersten Mal ist es nicht möglich, denn 2020 ist Corona. Wie sehr das Forouhar belastet, wie schlimm es für sie ist, gezwungen zu sein, dieses Ritual zu unterbrechen, merkt man ihr an. „Die Pandemie nimmt dir, was du dir mit viel Energie aufgebaut hast.“ Für sie ist die Reise eine Möglichkeit, mit dem Unrecht umzugehen. Ein Schritt raus aus dem Ausgeliefertsein gegenüber dem Regime.

 


Ein Kontrast zwischen Schönheit und Gewalt

Forouhar ist eine scharfe Kritikerin des Irans. Ihre Kunst ist ein Aufbegehren, indem sie thematisiert, was todgeschwiegen wird. Ihre Arbeiten – Fotografien, Drucke, Zeichnungen – erzählen von Gewalt und Unterdrückung, von Folter. Aber auch von Schönheit. Forouhars Kunst zeichnet sich durch diese Ambivalenz aus. Ständig oszilliert sie zwischen wunderschönen, verspielten Oberflächen und versteckten gewaltvollen Motiven; zwischen Zeigen und Verstecken. So auch in den Kunstkästen. In einem Kasten platziert sie einen fliessenden, seidigen Stoff; er ist opulent aufgeworfen. Erst beim genaueren Hinschauen erkennt man, dass es sich bei dem purpurnen Muster um feine, kalte Messer handelt. Ein fast schon subversiver Kontrast.
Muster, Ornamente, spielen in Forouhars Arbeit eine wichtige Rolle. „Muster haben die Aufgabe, etwas zu verstecken“. In der Repetition verschwindet das eigentliche Motiv. Man glaubt schnell, zu wissen, was da ist – aber da ist so viel mehr. Das Musterhafte und Gewohnte macht einen vielleicht blind. Auch in einem weiteren Kasten: Auf diesem Bild reihen sich Augenmotive aneinander. Darin verborgen stehen einzelne gesichtslose Figuren, die sich scheinbar verstecken möchten vor der konstanten Überwachung.

 

Das Weibliche nimmt den öffentlichen Raum ein


Die Ornamente in den Kunstkästen zu zeigen, ist für Forouhar unkonventionell. Denn im öffentlichen Raum seien wir uns zwar Bilder gewöhnt, nicht aber Muster. Die sind stärker Teil unserer Innenräume, wie eine Tapete beispielsweise. Somit trägt Forouhar – wie auch schon die Ägypterin Heba Khalifa im ersten Kunstkastenzyklus – das Private an die Öffentlichkeit. Dieser Innenraum, das Heimelige wird gemeinhin mit Weiblichkeit assoziiert. Und diese Weiblichkeit nimmt sich jetzt den öffentlichen Raum, sie pflanzt sich ins Bewusstsein der Passant*innen, ohne zu fragen, ob sie das darf.

  

Das Leben in der Schweiz – eine Illusion?


Auch in den Kästen am Rhein spielt Forouhar mit diesem Kontrast. Die Fotografien zeigen eine in einen Tschador gehüllten Figur, die auf einem grossen Plastikschwan im Wasser sitzt. Diese Figur ist in Schaffhausen keine Unbekannte. Forouhar war nämlich bereits ein Mal in Schaffhausen: 2017 residierte sie im Chretzeturm in Stein am Rhein. In den damals entstandenen Arbeiten erscheint die schwarze Figur. Wie ein Schatten huscht sie durch die pittoresken Steiner Gassen, zeigt sich und dann doch wieder nicht. Diese Serie drückt die ambivalenten Gefühle Forouhars gegenüber der Zeit in der Schweiz aus: Es kam ihr vor wie eine Illusion. Die ganze Schönheit, die Friedlichkeit. Und die Beständigkeit im Leben der Menschen: „Sie sitzen im selben Raum am selben Tisch, wo schon ihr Urgrossvater ein Stück Käse gegessen hat. Das war für mich ein Gegensatz zu meiner eigenen Geschichte, die von Krieg und Vertreibung geprägt ist. Ich beneidete das, fand es wunderschön, aber es blieb mir immer unverständlich.“

Natürlich weiss Forouhar: Was sie da in Stein am Rhein sah, dass war gewissermassen eine Kulisse, eine wunderschöne dazu. Aber da steckt viel mehr dahinter, als das, was auf den ersten Blick ersichtlich ist.  



 

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