Konzept

 

Der Frauenstreik 2019 hat gezeigt, dass heute wie vor 29 Jahren ein grosses Interesse an feministischen Themen besteht. Die Bilder sind noch lebhaft in Erinnerung, wie tausende Frauen auch in Schaffhausen Lohngleichheit forderten, einen Elternurlaub, Anerkennung der LGBT+-Rechte... Mit der grossen Resonanz dieses Streiks stellt sich aber auch die berechtigte Frage: Was ist denn der Wert von Feminismus heute?

 

Obwohl sich die aufgeklärte Gesellschaft grundsätzlich zur Gleichstellung von Frauen und Männern bekennt, sind die Machtverhältnisse längstens nicht ausgeglichen. Um die Verhältnisse zu ändern, kämpfen Feministinnen seit mehr als einem Jahrhundert. Die Frauenbewegung hat die Frau als Subjekt aus dem Privaten in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt: In der Politik, der Kultur, der Wissenschaft, der Kunst – Feminismus ist aus der gesellschaftlichen Debatte nicht mehr wegzudenken.

In diesem Sinn möchten wir, das Kollektiv «Collettiva Kuratorinnen», über die nächsten zwei Jahre mit einer Reihe von Ausstellungen in den Kunstkästen zum Diskurs beitragen. Wie hat sich der Feminismus von der Vergangenheit zu den heutigen Positionen entwickelt? Welche Zukunft hat er? Wie befassen sich lokale und internationale Künstlerinnen mit diesem Thema?

Als Rahmen für die Kunstserie – der auch zu erweitern und zu durchbrechen gilt – bieten sich die Haltungen von Marina Abramovic, die in mehreren Interviews die Etikette «Feministin» abgelehnt hat (1), und von VALIE EXPORT, die sich explizit als «feministische Aktionistin» definiert (2). Dazwischen und sogar ausserhalb werden sich die Arbeiten der eingeladenen Künstlerinnen positionieren.

Zur Themenwahl: Feminismus und Kapitalismus

 

Auf der einen Seite stellt der feministische Kampf gegen die hauptsächlich von Männern für Männer entwickelte Gesellschaft und ihr ökonomisches System einen starken Gegensatz zum Kapitalismus dar. Auf der anderen Seite haben manche Denkerinnen und Denker hervorgehoben, dass die Forderungen für die Befreiung der Frauen unabsichtlich den Eintritt der neoliberalen Logik ins private Leben begünstigt haben. Der Geschlechterkampf kann auch eine individualistische Perspektive anheben, die oft von der Wirtschaft für kommerzielle Ziele ausgenutzt wird. Feministin und Theoretikerin Nancy Fraser hat die zweite Welle vom Feminismus sogar als «Dienerin des Kapitalismus (3) bezeichnet. Die Steuerung von Beziehungen, das Networking, die ehrenamtliche und Care-Arbeit waren traditionellerweise Aufgaben der Frauen und wurden vom kapitalistischen System als Grundlagen für neue wirtschaftliche Werte gelegt. Anstatt einer erweiterten Solidarität hat die «Feminisierung» (4)  der Arbeitsweise eine Verstärkung der Individualisierung geschaffen.

Wir glauben noch an das Potenzial des feministischen Kampfes für soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit, nicht nur als Frauen für Frauen, sondern auch gegen sexuelle, religiöse oder ethnische Diskriminierung: Ist vielleicht dies das feministische Kapital? Wir wollen mit Künstlerinnen darüber nachdenken, unter welchen Bedingungen und mit welchen Ansätzen die Ambivalenz feministischer Anliegen gelöst werden kann und worin sich neue und alte Gefahren feststellen lassen. Dabei ist uns eine möglichst heterogene Vielfalt an Meinungen und Einstellungen wichtig und willkommen. Wir laden Kunstschaffende ein, die sich mehr oder weniger offensichtlich mit feministischen Themen beschäftigt haben, mitzuarbeiten.

 

Der Fokus auf den Körper

 

Der Körper ist zentral für viele Kunstwerke, die den feministischen Themenkreis berühren. Unter anderem ist er der Ort der (patriarchalen) Lust: John Berger (5) behauptet, dass die Darstellung der weiblichen Körper in der Kunstgeschichte die Objektivierung der Frau dient. Seiner Meinung nach wird die Frau als Ware betrachtet, die gleichzeitig dazu gedrängt wird, sich als stets beobachteter Gegenstand zu verstehen. Diese Einstellung haben verschiedene Künstlerinnen der feministischen Avantgarde bereits in den 1970er-Jahren thematisiert, unter anderem die Schaffhauserin Renate Eisenegger. Eine Wanderausstellung zeigt in zahlreichen europäischen Ländern, wie diese Kunstschaffende den Einfluss des patriarchalen Wertesystems der weiblichen Körper schon damals klar festgestellt hatte. Diese Konditionierung ist heute immer noch so aktuell, dass Anne Imhof die Essenz des Kapitalismus als «der hemmungslose Verbrauch der Körper» in der Pressemitteilung von «Faust» (6) definiert: Die Wirtschaft braucht den weiblichen Körper als Mittel der Produktion der kapitalistischen und gleichzeitig konsumorientierten Arbeitskräfte. Im Werk von Heba Khalifa tauchen die Themen Mutterschaft und Hauswirtschaft häufig auf. Gewalt gegen und Macht über Frauen erscheinen durch Zeichen und Schichten auf ihrer Haut. Parastou Forouhar setzt sich in ihren Arbeiten ebenfalls mit der Unterdrückung der Frau auseinander: Bei ihr wird das Ornament als Element der islamischen Kultur durch seine unendliche Wiederholung zum Symbol der Stränge und des Konformismus ausgelegt.

Wir überlassen es den eingeladenen Künstlerinnen, die Komplexität des Körpers im Rahmen eines feministischen Kapitals zu erforschen, zu entwickeln, darzustellen: Der Körper als Arbeitskraft, der Körper als Instrument, der Körper als Zentrum der Mutterschaft, der Körper als Projektionsfläche sexueller Gelüste, der Körper als Manövriermasse für Schönheitsideale, der Körper als Mittel und Symbol des Widerstands sind nur einige mögliche Stossrichtungen, die in Betracht gezogen werden können.

 

Noten

(1) Beispielsweise: Alli Maloney, Marina Abramovic and the art of female sacrifice. The «grandmother of performance art» talks nudity, feeling one’s power and why she refuses to identify as a feminist, 17.11.2015, in The New York Times, http://nytlive.nytimes.com/womenintheworld/2015/11/17/marina-abramovic-and-the-art-of-female-sacrifice/ [Eingesehen am 15.10.2017]

(2) Tom Seymour, Feminist Actionism – Friedl Kubelka and Valie Export, 16.4.2014, in British Journal of photography, http://www.bjp-online.com/2014/04/richard-saltoun-friedl-kubelka-valie-export/ [Eingesehen am 15.10.2017]

(3) Nancy Fraser, How feminism became capitalism’s handmaiden – and how to reclaim it, 14.10.2013, in The Guardian, https://www.theguardian.com/commentisfree/2013/oct/14/feminism-capitalist-handmaiden-neoliberal [Eingesehen am 14.10.2017]

(4) Michael Hardt und Antonio Negri, Commonwealth, 2009, Cambridge, MA: Harvard University Press

(5) John Berger, Questione di sguardi, 2015 (1. Ausgabe: 1972), Mailand: il Saggiatore, s. 53. Siehe auch John Berger/Ways of Seeing, Episode 2 (1972), https://youtu.be/m1GI8mNU5Sg [Eingesehen am 15.10.2017]

(6) Susanne Pfeffer, Anne Imhof. Faust. Pressemitteilung, 2017, Deutscher Pavillon von La Biennale di Venezia

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