Psychotropic Unsettlings

Interview mit Stefanie Knobel

Vor noch gar nicht langer Zeit glaubte man, rebellische Frauen litten an Hysterie. Eifrige Wissenschaftler sahen es als ihre gesellschaftliche Verpflichtung an, diese Frauen  zu „heilen“. Die Frauen spielten mitunter mit dem wissenschaftlichen Interesse an ihnen, indem sie sich theatralisch zu inszenieren wussten. Sie mussten aber häufig als Vorzeigeobjektive herhalten, bei Vorlesungen etwa, wo man sie mittels Hypnose zu einem hysterischen Anfall treiben wollte. So auch geschehen in Paris im berühmten Hôpital de la Salpêtrière.

Viele Jahre später entdeckt die Künstlerin Stefanie Knobel an der Université Paris Descartes das Gemälde „Une leçon Clinique à la Salpêtrière“ von André Brouillet. Es zeigt diese grausige Technik. Die Zürcherin arbeitet an der Schnittstelle von Performance, Installation, Video und Text und weilt für eine Künstlerinnenresidenz in der französischen Hauptstadt. Es wird ihr klar, dass der Glaube an die weibliche Hysterie in einem Zusammenhang steht mit den früheren Hexenverfolgungen. Schon damals wurden unangepasste Frauen verfolgt, „geheilt“. Sie liest in der Bibliothek die Geschichte von Hexen, die von einem schwarzen Bock – dem Teufel – geholt werden für den Geschlechtsverkehr.

Und da ist sie nicht schlecht erstaunt, als sie viel später durch die Schaffhauser Altstadt spaziert und über dem zweiten Kunstkasten den schwarzen Bock erblickt, der auf einer Teufelsfratze thront. Die Idee für eine Arbeit in den Kunstkästen ist entstanden.

Collettiva hat mit ihr über die Ausstellung gesprochen.

Stefanie Knobel, was werden wir in den Kunstkästen sehen?
Ich zeige Bilder der performativen Intervention L’OPOPONAX und Texte dazu, die ich für Schaffhausen geschrieben hab. Die Performance führte ich letzten Winter in Paris mit professionellen Tänzer*innen auf und daraus entsteht nun eine Videoarbeit. Angelpunkt der Performance ist ein Gemälde, das den Neurologen Charcot zeigt, wie er vor einer Gruppe männlicher Medizinstudenten an einer Frau die klinische Hysterie zu demonstrieren versucht. Ein sehr theatrales Setting. Die Tänzer*innen performten  im Raum vor dem Bild mit Besenstielen, Im zweiten Teil der Choreografie rücken die sie ins Bild hinein. Die Bewegungen sind von performativen Atemtechniken getrieben. Es ist ein extrem starker, radikaler Moment – die Tänzer*innen verspürten zuerst einen grossen Widerstand, vor diesem Bild zu performen. Aber während der Performance wurden sie selbst zu Handelnden. Dieses Intervenieren im Raum ist mir auch jetzt in Schaffhausen wieder ein Anliegen.

In Paris war der Kontext der Performance ein ganz anderer und löste bei den Betrachter*innen eine starke Betroffenheit aus. Wie schaffst du das in Schaffhausen mit der Dokumentation der Performance?
Die Ausstellung „Psychotropic Unsettlings“, die ich für die Schaffhauser Kunstkästen am Entwickeln bin, ist nicht einfach eine Dokumentation der Performance. Das Bild ist ein anderes Medium und dadurch entsteht ein neuer Aspekt von diesem Werk. Meine Arbeit soll etwas Neues eröffnen, das heisst, bei den Betrachter*innen ein Stolpern auslösen. In Schaffhausen ist das vielleicht das Hinterfragen dieser schwarzen Bockfigur, die mich irgendwie auch an die Brunnenfigur-Diskussion erinnert. In den letzten Kunstkästen nehme ich aber auch den Kontext vom Rhein als Güterverkehrsader auf; das Rauschen der Vergangenheit kann an ein hysterisches Flüstern erinnern, aber auch als Datenmeer wahrgenommen werden.
Ich bin eine konzeptuelle Künstlerin, die sehr assoziativ Geschichten erzählt. Das Material und der jeweilige Kontext sagen mir, wie ich arbeiten soll. Dabei gibt es oft Elemente aus vorherigen Arbeiten, die wiedervorkommen. In der Schaffhauser Ausstellung sind dies zum Beispiel  die Tafeln mit dem digitalen Flimmern, die wir in Paris vor das Gemälde gehalten haben.

Inwiefern sind die Kunstkästen denn spannend für diese Arbeit?
Ehrlich gesagt finde ich die Kunstkästen gar nicht so spannend, sondern  eine eher recht konservative Art, Kunst auszustellen (lacht). Ich sehe meine Arbeiten nicht per se als Kunstwerke, die sich so einrahmen oder auch begrenzen lassen.
Toll finde ich aber, dass diese Ausstellungsform es ermöglicht, sich mit ganz vielen unterschiedlichen Orten auseinanderzusetzen. Man kann translokale-globale Bezüge direkt an Orten des Geschehens sichtbar machen.
Ich denke aber nicht, dass ein Kunstkasten mehr Leute dazu bringt, Kunst anzuschauen. Es gibt so viele Kasten – Leuchtkasten mit Werbung drin – die viel auffälliger sind. Das zeigt mir auch ein bisschen, wie wenig Geld investiert wird in Kunst. Sich einen Leuchtkasten zu leisten, liegt nicht im künstlerischen Budget.  

Die Kunstkästen sind für dich eher altmodisch, aber dich hat das Konzept vom Feministischen Kapital überzeugt. Inwiefern ist deine Arbeit feministisch?
In meiner Arbeit rückt der Feminismus in eine Nähe zu einer kritischen Sichtweise auf die Erde unter dem Kolonialismus. Deshalb würde ich mich selbst nicht in eine bestimmte Tradition westlicher feministischer Kunst einreihen. Aber meine Arbeiten sind feministische Gesten, die auf fortwährende globale Krisen reagieren. Es ist natürlich immer die Frage, wie viel diese Gesten realpolitisch bewirken können, weshalb ich mich auch an grösseren translokalen Kollaborationen beteilige. Ich glaube aber schon daran, dass gerade über Ästhetisches und Poetisches am Politischen teilgenommen werden kann. So finde ich gerade über die künstlerische Form den Draht zu anderen Künstler*innen worüber wieder Freundschaften, Komplizen*schaften entspannt werden und breitere, realpolitische Diskussionen ins Rollen kommen können. Der Frauenstreik hat mir da Mut gemacht – ich musste gleichzeitig weinen und war sehr, sehr happy.


 

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