Eine blutrünstige, feministische Göttin

Reshma Chhiba, Südafrikanerin mit indischen Wurzeln, zeigt mit „Embodying Kali“ Geschichten von der Gewalt an Frauen und von ihrem unbändigen Widerstand. Begleitet wird sie dabei von der hinduistischen Göttin Kali.

Sie reitet auf einem Tiger, wild wirbelt ihre Halskette aus abgehakten Köpfen und wenn sie das Schlachtfeld betritt, rollt sie ihre tiefrote Zunge aus und leckt das Blut ihrer Gegner*innen vom Boden. Das ist Kali, die hinduistische Göttin der Zeit, der Zerstörung und der Erneuerung.
„Ich bin besessen von Kali.“, lacht Reshma Chhiba. Und so ist es: Die Ikonographie dieser Göttin – die herausgestreckte Zunge, das ungebändigte Haar, die Nacktheit – findet sich in Chhibas Fotografien, ihrer Malerei, den Skulpturen und dem Tanz wieder.

 

Eine Göttin als Symbol des Widerstandes

Chhiba wohnt in Südafrika und hat selbst indische Vorfahr*innen. Ihre Grossmutter kam vor hundert Jahren aus dem britisch kolonialisierten Indien nach Südafrika. Eine Frau, die ihre Heimat verlassen und viel ertragen musste, ihrem Schicksal trotzte und es irgendwann akzeptierte. Nicht unähnlich zu Kali. Diese Göttin steht für Chhiba sinnbildlich für das weibliche Auflehnen gegen eine patriarchale Gesellschaft, die Frauen mundtot machen will und ihnen Gewalt antut. Die häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder nahm in Südafrika (und auch anderswo) während der Pandemie nochmals deutlich zu und trotzdem ist die Polizei nicht geschult, adäquat damit umzugehen. Oft schenkt sie Betroffenen keinen Glauben. Das beschäftigt Chhiba in ihrer Arbeit sehr. „Embodying Kali“, also „Kali verkörpern“, heisst: Widerstand leisten, wütend sein und daraus Kraft schöpfen; denen, die einen zum Schweigen bringen wollen, die Zunge rausstrecken.

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Unverschämt Raum einnehmen

Das Motiv der Zunge zieht sich durch die Werke. „I am Kali, I am black“ ist eine Selbstportrait Chhibas. Die Schwarz-Weiss Fotografie zeigt eine Frau mit buschigem Haar und weit rausgestreckter, ja, fast raushängender Zunge. Ihr Blick ist herausfordernd. Die Aufnahme provoziert, weil wir die Zunge von Menschen üblicherweise kaum sehen – sie hat ja durchaus einen sehr erotischen Aspekt. Chhiba spielt immer wieder mit der visuellen Ähnlichkeit der Zunge zur Vulva. Die Künstlerin provoziert hier auch, weil sie einen Schwarzen Körper sich Raum nehmen lässt. Weisse Menschen sind im öffentlichen Raum noch immer übervertreten; es ist ein starkes Bild, dass eine Schwarze Person, und noch dazu eine Frau, sich nicht auf ihren Platz verweisen lässt.

Sprache und Identität

Die Zunge steht hier auch für die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit eine Sprache und eine Stimme zu haben.  Mit dieser Assoziation spielt Chhiba ebenfalls in „Mother Tongue“, eine rote Zunge aus Stoff auf fleischig-rotem Hintergrund. „Mother Tongue“ heisst auf Englisch „Muttersprache“ und die spielt für die Künstlerin eine wichtige Rolle in ihrer Arbeit. Chhiba ist mit Englisch aufgewachsen, doch als Muttersprache bezeichnet sie die indische Sprache Gujarati. Es ist die Sprache ihrer Grossmutter, die nach Südafrika kam und sich weigerte, Englisch – die Sprache ihrer Kolonialisierer – zu sprechen. Chhibas Eltern hingegen erzogen ihre Kinder bewusst in Englisch, um ihnen mehr berufliche Möglichkeiten zu eröffnen. Gewisse Geschichten lassen sich aber nur mit dem ganz bestimmten Vokabular einer Sprache erzählen und so fragt sich Chhiba noch heute, welcher Teil ihrer Herkunft und Identität durch den Verlust von Gujarati verloren ging.

Tanz als Befreiung

Chhiba zeigt auch eine Videoarbeit. Darin spielt die Abwesenheit der Sprache, das Schweigen, eine wichtige Rolle. Im Video zu sehen sind eine Tänzerin und eine Frau, die in Zeichensprache spricht. Sie verbinden traditionelle, spirituelle Tanzelemente mit neuen und erzählen so Geschichten von Gewalt, Verdrängung und Flucht. Mit den tonlosen Ausdrucksformen spielt Chhiba auf das Schweigen an rund um die Gewalt an Frauen und an Kindern. Chhiba selbst tanzt, seit sie sechs ist und hat eine Tanzschule mitgegründet. Durchs Tanzen will sie das Selbstbewusstsein von Frauen und Mädchen stärken. Die Stärke, die Kali ausstrahlt, will sie ihnen mitgeben.